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Tobias Nehren

Irgendwie bleiern

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Es ist warm und stickig. Es ist eng und die Akustik schlecht. Beige Farbe tunkt alles in ein monotones gelbes Licht, das mit Erinnerungen der achtziger Jahre und Weichzeichner verbunden ist. Auch der Bundesadler, die Fette Henne, prangt wie eh und je im Plenarsaal des alten Wasserwerks. Es hat etwas von einer Zeitreise und direkt kann man sich vorstellen, wie sich die Abgeordneten des Bundestages in den späten 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gefühlt haben müssen, als sie in diesem Plenarsaal tagten und sich in die engen Sitzreihen kauerten. Leicht war zu dieser Zeit wenig und ist in diesen Räumen nichts.
 
Inhaltlich enthalten die Panels und Diskussionen, die an den beiden Vormittagen stattfinden, kaum Neues, kaum Fröhliches oder Innovatives. Es wird debattiert und diskutiert, gefragt und geantwortet, gestritten wird leider zu selten. Man ist sich in vielem einig, hat man das meiste doch schon an anderer Stelle gehört, gelesen oder debattiert. „Was wurde denn nun diskutiert?“
 
"Wie können die Bürgerinnen und Bürger mehr beteiligt werden?" und "Wie können wir Interesse und Engagement im Netz aufnehmen und mit und durch das Netz kanalisieren?" "Wie können wir untereinander mehr und besser kommunizieren?" Das sind Fragen, die 2009 und 2010 auch schon beschäftigt haben. Antworten darauf gibt es scheinbar viele, Lösungen scheint niemand zu umzusetzen. Man gewinnt den Eindruck, dass die Besucher viel Interesse an Themen wie Jugenmedienschutzstaatsvertrag, an Bürgerbeteiligung, an Vorratsdatenspeicherung und Cyberwars haben. An Politik, im Sinne von Politik machen, Positionen erarbeiten und Mehrheiten bilden, offensichtlich nicht. Viel zu sehr ist man mit Technik und Plattformen beschäftigt statt mit eigenem Engagement und wenn doch, dann sind es die gleichen Köpfe und die gleichen Engagierten, die sich einbringen und einbringen wollen. Aber eine konstatierte gemeinsame Bewegung entsteht daraus bisher leider offensichtlich nicht.
 
Einige Lichtblicke bieten die Sessions, die sich Samstag- und Sonntag-nachmittag in den Räumlichkeiten der Deutschen Welle bilden. Nach den Methode von Open-Space-Veranstaltungen bilden sich durch die Teilnehmer selbstorganisierte Runden, in denen Projekte vorgestellt und Ideen weitergesponnen und gemeinsam gebrainstormt wird. Mathias Richel und Dennis Morhardt stellen www.das-ist-sozialdemokratisch.de vor. Eine Plattform, mit der sie Antworten sammeln möchten. Antworten darauf, was die Kernbotschaften und Ziele der SPD sein sollten. Zu unterschiedlichen Fachgebieten können die Nutzer hier selbst Thesen einstellen und die Thesen von anderen bewerten. Vor dem SPD-Parteitag im Dezember wollen sie die vom Netz favorisierten Beiträge dem Parteivorstand überreichen.
 
In einer weiteren Runde fragen Mitarbeiter der Grünen in Baden-Württemberg danach, wie sie die Anliegen und Versprechen der neuen Landesregierung sowie den Wunsch der Bürger nach mehr Beteiligung und Transparenz umsetzen können. Sie suchen konkret nach Input und Werkzeugen für das Netz und zapfen dafür die Teilnehmer des Politcamps an. Sie suchen nach Konzepten und Ideen, zunehmend transparentes Regierungshandeln und partizipative Prozesse zu realisieren. Und sie bekommen viel Input. Mitglieder der Piratenpartei, Grüne, Christdemokratinnen und Christdemokraten sowie SPDlerInnen geben ihre Ideen und Erfahrungen weiter und äußern, dass sie die Entwicklung in Baden-Württemberg mit Spannung beobachten. Nicht zuletzt die Proteste um den geplanten, unterirdischen Stuttgarter Bahnhof haben gerade deutlich gemacht, dass zwischen Politik und Bürger etwas nicht stimmt.
 
Was bleibt nun nach zwei Tagen Politcamp? Irgendwie das ungute Gefühl, dass dieses Barcamp bzw. diese Konferenz wenig Neues bot; zu wenig. Vielmehr viel zu viel Altes. Auch das Panel, bei dem der Autor dieses Beitrages selbst teilnahm drehte sich um schon mindestens einmal diskutierte Themen und wurde durch bereits vielfach gestellte Fragen ergänzt. Es bleibt der Eindruck, dass sich die Community zu sehr mit sich selbst beschäftigt und auch das irgendwie oberflächlich.
 
Es wären zwei Szenarien denkbar wie man dieses Dilemma auflösen könnte. Nächstes Jahr alles höher, schneller und weiter: Man lädt vermehrt politisch Verantwortliche ein, die vieles nicht oder noch nicht verstehen, reibt sich inhaltlich an Ihnen ab und versucht sie im Beisein von Presse und Medien direkt von Innovationen zu überzeugen.
 
Oder man geht in Klausur. Weg von Berlin und weg von Bonn und weg von großen Panels und hin zu kleinen Runden, zu inhaltlicher Arbeit und tiefen Diskussionen. Man könnte Konzepte und Pläne erarbeiten und Ergebnisse erstreiten, die man kommunizieren und nach außen tragen könnte. Dann hätte es einen Sinn, dass viele Teilnehmer sich einig sind und oft das gleiche sagen, dann hätten sie etwas in der Hand, mit dem sie die Menschen, die das Netz und seine Möglichkeiten noch nicht verstanden haben, überzeugen könnten.
 
Zu hoffen bleibt, dass es Neues gibt im nächsten Jahr – aus, um und vom Politcamp.

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